Kessler Marquard FHSteffen Kessler: Ich freue mich sehr, Gründungsmitglied des neuen Vereins „Franchise hilft! Notfallfonds e.V.“ sein zu dürfen und überraschend für mich als Teil des Beirats vorgeschlagen und gewählt worden zu sein. Gerne trage ich einen kleinen Teil dazu bei, eine neue Chance zur Weiterentwicklung der Franchise-Wirtschaft zu entwickeln. Der Verein „Franchise hilft! Notfallfonds e.V.“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, zukünftig Franchisenehmer zu unterstützen, wenn sie unverschuldet in eine Notlage geraten sind. Ich persönlich habe dabei u.a. die Überschwemmungen in den neuen Bundesländern vor ein paar Jahren vor Augen, in denen viele Berufstätige vor einem Trümmerhaufen standen und ziemlich von vorne beginnen mussten.

Ich freue mich, mit Eugen Marquard als Initiator des Vereins darüber sprechen zu dürfen. Hallo Herr Marquard, liege ich mit meinem Beispiel der Überschwemmungen überhaupt richtig?

Eugen Marquard: Ja, es gibt Ereignisse auch im Leben eines Unternehmers die außerhalb seiner Steuerungsmöglichkeiten liegen. In Deutschland haben wir uns noch nicht so richtig an den Gedanken „Naturkatastrophen“ gewöhnt, aber auch Überschwemmungen und Stürme werden hierzulande häufiger. Andere besondere Situationen sind schwere Krankheiten und Unfälle. Für seine persönliche Existenz ist ein Franchisepartner hier während der Phase des Notfalls gewöhnlich über seine Versicherungen abgesichert. Dennoch leidet in solchen Notsituationen in aller Regel das Geschäft und wenn das dann schließen muss, ist zum Zeitpunkt des Notfall-Endes die Existenzgrundlage des Franchisepartners weg.

Steffen Kessler: Der kritische Geist dürfte vermutlich sagen: „Das fällt unter die Rubrik unternehmerisches Risiko!“ Was würden Sie zur Antwort geben?

Eugen Marquard: Unternehmertum und Sicherheit sind in der Tat zwei Begriffe, die nicht so recht zusammenpassen. Als Unternehmer verstehe ich unter Sicherheit, selbst Maßnahmen zur Wahrung und Steigerung meines unternehmerischen Erfolgs zu ergreifen. Diese beziehen sich einerseits auf mein Unternehmen, also zum Beispiel die Daueraufgaben Business Development, langfristige  Geschäftsplanung, usw. Andererseits beziehen sich diese Maßnahmen auf meine Person, damit ich als Unternehmer für mein Unternehmen leistungsfähig bleibe und nicht ausfalle. Also etwas tun, um körperlich und geistig fit zu bleiben. Und auch Vorsorge betreiben. Am liebsten durch ein Unternehmen, das mich auch dann ernährt, wenn ich doch mal eine Zeit ausfalle; alternativ durch eine Berufsunfähigkeitsversicherung, Rücklagen, Beleihung von Immobilien, Unterstützung aus Freundeskreis und Familie oder was auch immer. Den Franchise hilft! Notfallfonds e.V. sehe ich als eine letzte Notnagel-Chance, wenn alle anderen Maßnahmen zuvor nicht greifen oder ungenügend sind, um das geschäftliche Desaster und damit die Existenzbedrohung abzuwenden.

Steffen Kessler: Wir stehen ja ganz am Anfang und haben noch keine Erfahrungswerte. Welche Szenarien kann man sich vorstellen, in denen der „Franchise hilft! Notfallfonds e.V.“ helfen könnte?

Eugen Marquard: Das sind die Szenarien Krankheit, Unfall, Naturkatastrophe. Dabei muss nicht unbedingt der Franchisepartner selbst betroffen sein, da die geschäftliche Entwicklung auch schon dann sehr leiden kann wenn ein Familienmitglied, in aller Regel Lebenspartner oder Kinder, betroffen sind. Weitere Szenarien sieht der Vereinszweck nicht vor und können wir uns derzeit selbst auch nicht vorstellen. Für Hilfen in wirtschaftlichen Notsituationen, die ursächlich nicht aufgrund einer dieser drei Szenarien entstanden sind, ist der Verein nicht zuständig. Doch in der Tat – wir haben noch keine Erfahrungswerte und werden uns immer jeden Einzelfall intensiv und erneut ansehen und bewerten müssen.

Steffen Kessler: Wie kann der Verein helfen? Bei Notfallfonds denkt man erst einmal an Geld.

Eugen Marquard: Klar ist Geld in Notsituationen vermutlich wichtig, aber am Anfang steht immer die Beratung, die für den Hilfesuchenden kostenfrei ist. Diese Beratung kann wirtschaftlicher, juristischer oder persönlicher bis hin zu psychologischer Natur sein. Ich könnte mir vorstellen, dass wir in vielen Fällen dem Antragsteller allein dadurch helfen können, trotz seiner chaotischen Situation einen kühlen Kopf zu bewahren. So kann er wieder die richtigen Entscheidungen für seine unternehmerische Entwicklung treffen. Manchmal hilft ja schon eine pfiffige Idee, die man in seinem eigenen Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen hat. Wenn über die Beratung hinaus finanzielle Hilfe notwendig sein sollte, dann in Form zinsfreier Überbrückungsdarlehen. „Überbrückung“ ist für uns hier ein wichtiger Begriff, da wir davon ausgehen, dass spätestens nach wenigen Jahren eine spezielle Notlage auch wieder endet und der Franchisepartner mit Hilfe der Überbrückung wieder in sicheres Fahrwasser gelangen kann. Das ist ein wichtiger Punkt des Franchise hilft! Notfallfonds: wir finden es unverhältnismäßig, wenn überaus engagierte Unternehmer aufgrund einiger weniger schwieriger Jahre ihre komplette Existenz für die Zukunft verlieren. Die Darlehen können unbesichert und damit schnell und unbürokratisch vergeben werden. Natürlich muss vor der Vergabe eines Überbrückungsdarlehens ein Businessplan erstellt und die Situation mit dem jeweiligen Franchisegeber und je nach Bedarf auch mit Experten für Versicherungen, staatlichen Förderungen usw. besprochen werden. Es ist ja immer erstmal fachlich und menschlich kompetent zu prüfen, ob es andere finanziellen Hilfen als den Notfallfonds gibt, der erst dann einspringen kann, wenn alle anderen Möglichkeiten zuvor nicht ausreichend waren, die geschäftliche Existenz zu retten.

Steffen Kessler: Schließt man sich nicht unter anderem aus dem Grund einem Franchisesystem an, damit man in schwierigen Zeiten ein Backup hat? Oder ist Franchising so riskant, dass es ein Netz mit doppeltem Boden braucht?

Eugen Marquard: (lacht) Nein, Franchise ist nicht so riskant... aber das Leben von uns Menschen ist es manchmal schon – also auch das von Franchisepartnern und allen, die in der Franchisewirtschaft beschäftigt sind. Aber Sie haben natürlich recht: Ein Franchisepartner ist ein Unternehmer, der im Vergleich zu anderen Unternehmern eindeutige geschäftliche Vorteile für sich selbst durch die aus einem Unternehmer-Netzwerk entstehenden Synergieeffekte sieht und seinerseits auch bereit ist, sich für sein Netzwerk einzusetzen. Insofern ist der Franchise hilft Notfallfonds ein weiterer von vielen Synergieeffekten für mehr und dauerhaften unternehmerischen Erfolg, den das Organisationsmodell Franchise überhaupt erst ermöglicht. Freilich ein Synergieeffekt, der bislang weitgehend unentdeckt und ungenutzt geblieben ist. Gleichwohl haben einige wenige große Franchisesysteme einem Notfallfonds ähnliche Instrumente speziell für ihr eigenes System etabliert. Sehr viele Franchisesysteme haben jedoch nicht die Möglichkeit, einen eigenen Notfallfonds zu etablieren oder möchten es auch einfach nicht. Für diese Franchisesysteme ist eine Unterstützung durch den Franchise hilft! Notfallfonds e.V. ideal.

Steffen Kessler: Wann schätzen Sie kann bei Bedarf ersten Notfällen geholfen werden und was ist bis dahin zu tun?

Eugen Marquard: Die Gründungsversammlung ist ja nun geschehen. Jetzt folgt noch der administrative Teil mit der Eintragung bei Registergericht und Finanzamt mit dem Einrichten eines Kontos damit wir überhaupt fähig sind Spenden einzusammeln. Wir wünschen uns Spenden in Form von Fördermitgliedschaften sowohl von Franchisegebern als auch von Franchisepartnern. Von Franchisepartnern würden wir uns Fördermitgliedschaften in Höhe von 60 Euro pro Jahr pro Standort vorstellen und von Franchisegebern ebenfalls 60 Euro im Jahr für sämtliche Standorte (Eigen- und Franchisebetriebe). Ich würde mich „freuen“, wenn wir im Jahr 2018 den ersten in Not geratenen Franchisepartnern helfen könnten.

Steffen Kessler: Wie unterscheiden sich Vereinsmitglieder von Fördermitgliedern?

Eugen Marquard: Die Vereinsmitglieder bilden zusammen die Mitgliederversammlung des Vereins und sind damit juristisch gesprochen Organ des Vereins, so ein bisschen ähnlich wie ein Parlament. Die Vereinsmitglieder möchten die Arbeit des Notfallfonds bewusst gestalten und Einfluss nehmen. Fördermitgliedern liegt das Anliegen des Vereins ebenso am Herzen wie den Vereinsmitgliedern, sehen aber ihr Engagement eher in einer finanziellen Unterstützung.

Steffen Kessler: Wie und wann ist die Idee eines solchen Vereins entstanden und was ist ihre persönliche Motivation dahinter?

Eugen Marquard: Das ist schon einige Jahre her, als ich noch in der Franchisezentrale von Mail Boxes Etc. gearbeitet habe. Da sind Franchisepartner unseres Netzwerkes in Italien durch Erdbeben in Not geraten. Schlicht und ergreifend war ihr Ladenlokal nicht mehr da. Es wurde innerhalb des Netzwerkes zu Spenden aufgerufen. Klingt zunächst gut, aber mich hat diese Vorgehensweise geärgert, weil man in einem großen aus Unternehmern bestehenden Netzwerk statistisch vorausahnen kann, dass solche Fälle entstehen und es dann gut zu einem Franchisegeber-Denken passt, hierfür systematische Vorkehrungen, Prozesse und Abläufe zu etablieren bevor der Notfall eintritt. Da insbesondere kleinere Franchisesysteme finanziell nicht in der Lage sind eigene Notfallfonds zu etablieren finde ich einen Notfallfonds für die gesamte Franchisewirtschaft hier ein ideales Instrument. Deshalb freue mich sehr, dass der Franchise hilft! Notfallfonds e.V. nun dank des intensiven Engagements seiner Gründungsmitglieder ins Leben gerufen werden konnte. Zu diesen, Herr Kessler, gehören Sie ja auch und, wenn ich darf, möchte ich auch die anderen Gründungsmitglieder an dieser Stelle in alphabetischer Reihenfolge nennen: Peter Block (Unternehmensberater), Jürgen Dawo (Franchisegeber von Town & Country), Lennart Frische (Franchisenehmer bei Mail Boxes Etc.), Reinhold Güthoff (Franchisenehmer von Backwerk), Ullrich Hänchen (Steuerberater bei Wagemann & Partner), Jana Jabs (Franchiseberaterin bei Unternehmen Selbständigkeit), Dr. Kay Jacobsen (Rechtsanwalt bei Jacobsen & Confurius), Stefan Jakob (Franchisegeber von Enerix), René Schmidt (Sachsenküchen), Sibylle Sterzer (Sterzer PR) und ich selbst

Steffen Kessler: Ich persönlich habe für mich eine Richtschnur gefunden, woran ich meine Handlungen und Entscheidungen im privaten und auch beruflichen Alltag auszurichten versuche: "Teile Dein Glück". Aus dem Grund haben Sie mich mit Ihrer Idee schnell erreicht und ich wollte diese Sache unterstützen. Wenn es Anderen ebenso geht, was können sie tun?

Eugen Marquard: Auf jeden Fall die Idee weitertragen, zu ihren Franchisepartner- oder Franchisegeber-Kollegen und natürlich Förder- oder Vereinsmitglied werden. Im Sinne von „Tue Gutes und rede darüber“ muss dieses Engagement nicht geheim bleiben, sondern jedes Vereinsmitglied erhält ein Franchise hilft! Siegel, dass es auf seiner Webseite oder im E-Mail-Footer verwenden kann und das Engagement wird natürlich auf der Webseite franchise-hilft.com erwähnt.

Steffen Kessler: Herr Marquard, ich danke Ihnen und wünsche uns und insbesondere Ihnen als Initiator und Vorstand des Vereins viel Glück und einen guten Start für diese tolle Sache!